The reality is in this head. Mine. I‘m the projector at the planetarium, all the closed little universe visible in the circle of that stage is coming out of my mouth, eyes, and sometimes other orifices also.

— Thomas Pynchon: The Crying of Lot 49 , 1966

 

 

Oliver Schulzes Bilder sind verstörend, so verstörend, dass man schreien und sich übergeben möchte. Sie reißen den Betrachter hypnotisch an sich. Man taumelt, hangelt sich Sicherheit suchend an den bekannten Figuren und Formen aus Werbung oder Comic entlang, um gleich wieder abzustürzen, aus dem Kontext gerissen zu werden, einfach umzufallen.
Verwirrung, Ohnmacht und Übelkeit sind die Folge, die Störung des lebensnotwendigen Gleichgewichts. Eine auf der manipulativen Macht der Zeichen und Symbolen konstruierten Lebenswelt, in der Werte, Beziehungen und Gefühle zu Werbe- und Medienwaffen verkommen, legt Schulze schonungslos als Fassade offen, hinter der die pathologische Leere der Informationsgesellschaft lauert.
Die krasse Deutlichkeit und der schlagende Realismus der handwerklich brillanten Bilder fußen auf Elementen aus Pop- und Streetart, Comic- und Werbekunst oder aus der Fanzine-Kultur, die Schulze in neue Kontexte stellt. Diese sind in aller Konsequenz subversiv – wie liebevolle disneyähnliche Figuren, die beim genauen Hinschauen die Kontrolle, ihr Gesicht verlieren, schließlich den nackten Wahnsinn offenbaren. Oder die DC- oder Marvel-superheldähnlichen Kraft-Körper, die eine tragische Schwäche zeigen. Wie auch Figuren mit schmerzverzerrten und toten Gesichtern, die uns an bekannte Politiker oder Stars erinnern. Der Vergleich mit den detailbesessenen Büchern des US-Autors Pynchon ist ein sinniger. Auch er thematisiert in handlungsarmen Wortbombardements und Faktenlabyrinthen, die sich aus Philosophie-, Physik oder Porno-Fragmenten speisen, Paranoia und Entropie nicht nur als Zustandsbeschreibung sondern als wütende Kritik an der Konsum- und Mediengesellschaft.
Solch eine Auseinandersezung ist wie bei Schulze von Sehnsucht, Energie, Lust und Passion geprägt. Nicht zu unrecht hört man deshalb aus Schulzes Zeichnungen die kakophonen Eskapaden des Multitalents Mike Patton oder die musikalische Exzentrik einer Band wie Dillinger Escape Plan, die sich musikalisch mit einer ähnlichen Thematik beschäftigen. Schulzes Bilder sind deshalb in bestem Sinne aktuell, vielleicht sogar schleichender Zeitgeist, der langsam den Underground verlässt. Der Feuilletonist und Kulturpessimist Dietmar Dath bezeichnet die solcher Subkultur inne wohnende Energie als Drastik. In seinem Buch Die salzweißen Augen schreibt er: Drastik, das ist „die kulturindustrielle Form, die das Selbstwunsch- und -angstbild von modernen Menschen annimmt, wenn die sozialen Versprechen der Moderne nicht eingelöst werden...“ Die soziale Komponente ist für Schulze ein fundamentaler Faktor. Man sieht das deutlich. Hinter dem Bildersturm stellt er die Fragen nach Gut und Böse, nach Tod und Leben und letzten Endes nach Liebe in diesen Zeiten des Wahnsinns. Das ist kein klebriger Pathos, sondern das folgenrichtige Ergebnis eines starken Kampfes, der nur mit Schmerzen geführt werden kann.

 

 

 

Text: Ingo Petz, Autor und Journalist (Süddeutsche, Brand eins u.A.) www.ingopetz.com

Angst, Zorn und Größenwahn

Von Michaela Adick

 

Heilbronn - Wenn das nicht für mehrere Leben reicht: Als archäologischer Grabungshelfer hat er gearbeitet und als Archivar, eine Lehre als Zimmermann hat er abgeschlossen und ein Studium in Kommunikationsdesign absolviert. Die Ruhe in Person steht er in der Galerie Basementizid, dieser Oliver Schulze, nur genannt Herr Schulze wie der selige Herr Lehmann aus den Romanen von Sven Regener.

Beim Herr Schulze soll es hier auch bleiben, denn als Herr Schulze ist der schmächtige Kölner, 1972 in Amsterdam geboren und in Mailand aufgewachsen, seit einer halben Ewigkeit in der Szene bekannt.

 

Zerrissenheit

Comicartige Wandmalereien zeigt er in der Galerie Basementizid und eine Studie von 88 kleinformatigen Zeichnungen auf Papier, die von einer derartigen Zerrissenheit zeugen, dass man sie gar nicht mit diesem ruhigen Zeitgenossen in Verbindung bringen will.

Angst, Zorn, Größenwahn: Es sind die dunklen Seiten des Lebens, mit denen er sich zu beschäftigen scheint. Doch damit gibt er sich nicht zufrieden: "Natürlich zeige ich schreckliche Sachen, aber sind die nicht auch lustig?" Wenn hemmungslos aufs Blatt gebrachter Körperekel lustig ist, dann hat er wohl recht. In seiner Studie begibt er sich auf die Spuren von George Grosz, dem Protagonisten der Neuen Sachlichkeit, der im Berlin der 20er Jahre Missstände aufdeckte.

 

Künstlerkollegen

Eigenwillige Graphic Novels sind es, die den Oberflächenwahn geißeln, die Werbewelt ebenso ad absurdum führen wie seine ach so geistreichen Kölner Künstlerkollegen.

So kann man in der Galerie Basementizid eine außergewöhnliche, gezeichnete Lebensgeschichte von heute entdecken: Mit ganz fein gezeichneten Ekelpaketen von Menschenungetümen, einer Hommage an Frank Zappa, entfernt an Jonathan Meese erinnernden Nazi-Clowns und schlichten, mit Wasserfarben gemalten Ästen.